Montag, 26. Oktober 2015

Dies, das, verschiedene Dinge!

Heute sind wir also bereits zwei Monate weg von Zuhause und hey was sind schon neun weitere Monate gegen den Rest des Lebens? 

Da war dieser eine unglaubliche Moment: Wir überlegten uns fürs Nachmittagsprogramm mit den Kindern Luftballontanzen zu spielen. Zwei Personen haben einen Ballon vor der Stirn und müssen so lange tanzen bis er herunter fällt, dann sind sie ausgeschieden. Während ich gerade dabei war ein wenig Tanzmusik herauszusuchen wurde ich von einem Aufschrei überrascht "Ah Pauli hilf mir, die bringen mich noch um!" hörte ich Meret quieken. Sie hatte die Luftballons aus ihrer Tasche geholt und alle Kinder sind auf sie losgestürmt, rissen ihr die Ballons aus der Hand und drängten sie in die Ecke. Ungefähr als würde in Deutschland jemand rufen "Es gibt 1 Millionen Euro zu verschenken" oder "Freibiiiier!"... Zum Spiel kamen wir nicht mehr, denn die Kinder waren von nun an eine Stunde lang nur mit sich und ihrem Ballon beschäftigt und nicht mehr ansprechbar. Ein kleines Mädchen neben mir warf immerzu ihren Luftballon hoch, fing ihn wieder auf und kommentierte jeden Wurf mit einem staunenden "woooow". Wie schön, dass die Kinder hier noch so einfach zu begeistern sind und so einfachen Dingen so viel Wertschätzung entgegen bringen. 



Das Verhältnis zu unseren Schwestern wird von Tag zu Tag besser. Die letzten Abende haben wir gemeinsam das Essen vorbereitet, im Teamwork den Abwasch gemacht, gestern Abend wurde uns das erste mal gezeigt, wie man Nshima kocht und wir haben Kekse für sie gebacken, worüber sie sich sehr gefreut haben und wo sie das nächste mal beim Backen selbst Hand anlegen wollen. Heute hat Sister Mary das erste mal zu uns gesagt, dass es sehr harmonisch mit uns ist und wir gut hier her passen... Da kommen doch glatt Glücksgefühle auf! :) 


Am vergangenen Donnerstag erfuhren wir, dass ein Kind aus dem Tetekela gestorben ist. Wir selbst kannten das Mädchen nicht, denn seit wir hier sind, ist sie nur noch am pendeln gewesen zwischen Krankenhaus und Zuhause und war somit schon lange nicht mehr in der Schule. Sie war 14 Jahre alt und hatte Herzprobleme. Ihre beiden Schwestern, Flaviour und Caro, sind Schülerinnen unserer Preschoolklasse. Wir fragten, ob es möglich sei, dass wir mit zur Beerdigung kommen und am selben Nachmittag ging es auch schon los. Die Beerdigung fand zwar erst am Freitag statt aber hier in Sambia ist es Brauch, dass Freunde und Nachbarn ab dem Todestag jeden Tag zu dem Haus des Verstorbenen fahren, die Angehörigen in ihrer Trauer begleiten, gemeinsam klagen, beten, singen und das die ganze Nacht durch. Auch wir machten uns also gemeinsam mit den Schwestern und Madame Charity auf den Weg zum Haus des verstorbenen Mädchens. Es war das erste mal, dass wir sahen, wo die meisten unserer Schüler herkamen: Eine kleine Hütte an der Nächsten, Strohdächer abgedichtet mit leeren Mehlsäcken und Autoreifen darüber gelegt, damit nichts weg weht. Ein provisorischer Gemüsestand am Nächsten, viel Trubel, alle Augen auf uns gerichtet, die Nonnen bekommen von allen Seiten einen Respektgruß und die Kinder schreien "umusungu" (Weiße) und zeigten auf uns. Es wird Alkohol konsumiert, Kleider werden genäht, Gemüse verkauft und Kinder sind am spielen. Vor einer dieser kleinen Hütten bleiben wir dann stehen, ziehen unsere FlipFlops aus und kommen in einen ca. 4 mal 5 Meter großen Raum. Es gibt vermutlich noch einen weiteren so großen Raum und das war alles vom Haus. Wir sind umgeben von kühlen Steinwänden, teilweise mit alten Tüchern abgedeckt. Auf dem Boden sitzen bereits einige Frauen, hier herrscht Stille. Sie machen uns Platz und eine der Frauen fängt nach kurzer Zeit laut an zu schreien, zu weinen, zu klagen. Als die Frau nach einiger Zeit wieder zur Ruhe kommt, stimmt Sister Miriam ein ruhiges Lied an, es wird gesungen, kurz gebetet und wir verlassen das Haus wieder. Draußen vor der Tür können wir noch hören, wie die Frau erneut beginnt herzzerreißend zu klagen. Es handelt sich um die Tante, bei der die Verstorbene gelebt hatte, da auch die Eltern bereits verstorben sind, bekommen wir zu verstehen. Am darauffolgenden Tag war dann die richtige Beerdigung. Wir fahren erneut zum Haus, diesesmal sitzen auch drumherum schon viele Menschen, hauptsächlich Frauen und drinnen wird wieder Platz für uns gemacht. Voller Schreck fokussieren meine Augen einen Sarg, der nur einen Meter von mir entfernt in der Ecke steht. "Liegt gerade nur einen Meter entfernt von mir die verstorbene Schwester von Caro und Flaviour?" Kurze Zeit später kommen zwei große Transporter, deren Ladefläche mit dem Sarg und bis auf den letzten Fleck mit Menschen, die an der Beerdigung teilnehmen wollen, gefüllt wird. Der nächste Stopp ist das Krankenhaus. Hier wird die Leiche dann doch erst abgeholt und anschließend fahren alle zusammen zum Friedhof. Angekommen setzen sich alle auf den Boden, der Pfarrer schreit sich bei seiner Predigt auf Bemba die Seele aus dem Leib und bekommt bei jedem "Halleluja" laute Zustimmung durch Fäuste in der Luft und einem überzeugten "Amen". Ein bisschen wie bei einer politischen Rede. Anschließend wird der Sarg geöffnet und jeder schaut sich noch einmal das verstorbene Mädchen an. Nach einem flüchtigen Blick in den Sarg setzte ich mich schnell wieder auf meinen Platz. Auf dem Friedhof wird die Tante von einigen anderen Frauen beim Klagen unterstützt und nur der Chor schafft es sie zu übertönen und eine angemessene Atmosphäre und einen guten Ausgleich abzugeben. Auch die zehnjährige Flaviour kniet auf dem Boden und klagt mit den anderen Frauen. Am liebsten würde ich aufstehen und sie in den Arm nehmen aber das wäre in dieser Situation ziemlich unangemessen. Je lauter das Klagen, desto mehr Respekt wird dem Verstorbenen entgegen gebracht. Es heißt also zusehen und lernen zu verstehen. 


Gott sei Dank besitze ich bereits einen Chitenge, denn Dresscode dunkle Kleidung war gestern. Chitenges werden hier über den normalen Röcken getragen, damit diese nicht dreckig werden. Wären sie nicht so super unpraktisch, da man sie bindet wie ein Handtuch und sie so ständig aufgehen und runter rutschen, würde ich sie doch glatt öfter tragen für all die Sprüche, die wir am Freitag bekommen haben: "You are looking beautiful", "These girls know how to wear a Chitenge"........."They are well cultured"!!!


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